Beitrag aus der TAZ zum ESC 2005

Kann Gracia nun Kult werden, weil sie beim Eurovision Song Contest die Allerletzte war? Oder war ihr Auftritt nur typisch für das, was deutscher Pop international ist – nämlich bedeutungslos?
AUS KIEW JAN FEDDERSEN

Um sie herum, vier Meter entfernt, tanzten die Griechen, und weil deren Sängerin Elena ja eigentlich aus Borås stammt, hüpften mit ihr einige Schweden mit. Die Zyprioten fühlten sich ohnehin mit im Boot, zwölf Punkte, wie üblich, aus Nikosia für Griechenland. Auch sie standen einer 22-jährigen Münchnerin im Blick: So geht das, fröhlich sein, auf die Minute fit, ausgelassen, nicht verkrampft, den Wettbewerb ernst nehmend – und gewinnen. Elena strahlte längst, als ihr die Punkte aus fast allen europäischen Ländern nur so zuflogen, als Gracia Baur, 22 Jahre, mit den giftgrünen Polstern vor Entsetzen fast eins wurde.

Die Münchnerin, die doch als deutsche Sängerin beim Eurovision Song Contest nur das Ziel hatte, nicht Allerletzte zu werden, sie hatte ebendies nicht geschafft. Vier Punkte, je zwei aus Monaco und Moldawien – das war genau das Resultat, „mit dem ich nicht nach Hause fahren wollte“. Doch auch in der Sekunde, in der sie als Kultobjekt hätte geboren werden können, riskierte sie nichts. Zeigte eine Haltung, hinter der gewiss die Ratlosigkeit steckt, wie sie jetzt wieder auf die Beine kommen soll, wie man DJs, Plattenbossen und TV-Show-Agenturen erklärt, dass man trotzdem gut ist. Doch sie wirkte fast teilnahmslos. Keine Tränen, keine Wut über die Umstände. Es scheint genau dies gewesen zu sein, was Gracia Baur so uninteressant für die europäischen Zuschauer gemacht hat: eine Sängerin, deren Performance immer wie eine Performance scheint – und nicht wie eine glaubwürdige Show für den Moment.

Es war ja schon ein schlechtes Omen, dass ihr Vortrag von „Run & Hide“ bei den 8.000 Zuschauern im Kiewer Sportpalast fast gar keinen Beifall fand. Seltsam, da sie doch, technisch gesehen, alles richtig machte. Die Töne traf und die Kameras zu beflirten suchte. Aber es hatte etwas Desinteressiertes. Und es blieb allgemein. Gracia Baur ist eine, die zu casten versteht und im wirklichen Showleben nicht weiß, wie es geht – die Herzen zu berühren. Der Deutschen Auftritt in Kiew war insofern wie ihr Outfit: lichtschluckend.

Im Green Room hingegen, als sie der Griechin beim Siegen zusah, hatte sie nicht mal eine Idee von gefühltem Neid auf dem Gesicht: Gracia träumte ihren persönlichen Albtraum. Auf die Frage, was sie denn nun mache, wenn sie nach Hause komme, sagte sie: „Weitermachen. Weiterleben.“ Das war, streng genommen, das Ergreifendste, was sie in den letzten Jahren als öffentliche Äußerung preisgegeben hat.

Kurzum: Mit dieser fast depressiven Haltung des Einverständnisses mit dem, was einem widerfährt, kann Gracia unmöglich Kult werden. Joy Fleming, deren Karriere ohne die schlechte Platzierung bei der Eurovision 1975 kaum mehr als eine in der Jazztingelszene geworden wäre, meckerte nach ihrem schlechten Platz wenigstens, verstieg sich zu Verschwörungstheorien und wusste zugleich auch immer, was sie kann. Gracia hat dieses innere Lot, nach allem, was sichtbar wurde, offenkundig nicht.

Aber hätte ein anderer deutscher Act in Kiew es besser machen können? Auffällig war zunächst, dass Gräueltheorien wie die von Stefan Raab, der zufolge die Eurovision eine im Grunde osteuropäisch-korrupte Angelegenheit sei, widerlegt sind. Sieben der zehn Länder aus den Top 10 verstehen sich westlich oder zählten ohnehin nicht zum realsozialistischen Block. Belohnt wurden Acts, die modern, wenigstens glaubwürdig schienen – oder den Mut zur fröhlichen Show hatten. Norwegen mit einem Glamrock-Revival der Siebziger, Dänemark mit einer Art metrosexuellen Lounge-Gruppe, die Schweiz mit den Popsöldnerinnen von Vanilla Ninja aus Estland, die lettischen Jungs Valters & Kazhas mit „The War Is Not Over“, feinste Gitarrenpopware nach Art von Turin Brakes interpretiert, schließlich die Malteserin Chiara, die in ihrem tuffigen Kleid zu der gleißend schönen Ballade „Angel“ auftrat: Dazwischen lagen die Serben, die Hardrockjungs als Moldawien (mit ihrer Oma als Perkussionistin) – und Israel auch ganz weit oben.

Dessen Sängerin bewies durch eine Britney-Spears-hafte Show mit einem sehr schönen Lied (oder war es mehr Sound plus Performance?), dass Israel Sympathien finden kann – vor einem Jahr dachte man noch in Haifa und Tel Aviv, Europa werde antisemitischer und Israels Grand-Prix-Lieder hätten nie wieder eine Chance. All diese Lieder waren stilistisch weit voneinander entfernt – und waren gemeinsam doch meilenweit vom konservativen, gestrigen Pseudorock der Gracia Baur entfernt. Gratifiziert wurden sowohl Glamrock, Kreischrock, Disko, Ethno, jugoslawische Halbfolklore und überhaupt zeitgenössische Unterhaltungsmusik. Gemein war fast allen Acts nur die Kunst, die ganze Show als den Ernstfall des Lebens zu nehmen und dabei nicht zu verkrampfen.

Depression is a German thing: Das ist das Resultat der wichtigsten europäischen Kulturshow. Vorne liegen Länder, denen Jammerei meist fern, Ehrgeiz wie europäische Rivalität nah sind. Griechenland konnte endlich – seit 1974 dabei – gewinnen, weil das Land im Popbereich sich seit vier Jahren von der Bouzoukiseligkeit von Würdenträgern wie Mikis Theodorakis und Melina Mercouri lösen konnte: Man erkennt sich in Europa und nicht mehr nur als Hellas und schlug, so gesehen, Samstagabend Europa eine schwungvolle und charmant vorgetragene Tonspur vor. Europa verstand und ließ für das Stück „My Number One“ Punkte regnen. Sängerin Helena unterfütterte obendrein die Theorie, dass nur gewinnen kann, wer es will: Sie war beim Auftritt perfekt – nie während der Proben.

War war Kiew sonst? Ein europäischer Glücksfall. Die Ukraine wurde in den Clips der Show zwischen den Songs als schönes, bestaunenswertes Land gezeigt. Prächtige Arbeiten. Mit Witz – und frei von der Deutschen Phantasma, das Land exportierte nichts als Tschernobyl, Prostitution und billige Arbeitskraft. Vor der Eurovisionswoche wurden die Polizeikräfte auf Vorzeigbarkeit hin durchgescannt – keinen Dienst schieben durften Männer, die physiognomisch eher an Sowjetunion als an den orangenen Revolutionsgeist erinnern. Die Eurovision – auch ein nationales Marketingprojekt. Präsident Wiktor Juschtschenko wollte sie unbedingt als Visitenkarte – und er hat sie bekommen. Es liegt jetzt an Europa, diesem politischen wie kulturellen Frühling ökonomische Kraft zuteil werden zu lassen.

Bedenklich nur, dass 35 der 39 Eurovisionsländer alles unternahmen, um in Kiew eine gute Figur abzugeben. Mit Witz, mit Partys, mit Jam-Sessions, mit Fraternisierungen und dem Austausch von tausenden von Visitenkarten. Europa scheint in deren Bewusstsein ein Wunsch zu sein, keine budgetäre Last, die per Plebiszit erst abgesegnet werden müsste. Man trank und soff, hurte und versackte … Man sah sich zu. Man sah Sängerinnen im Hotel flüssigen Joghurt mit der Gabel essen und ukrainische Sänger bosnische Chormädchen küssen. Man sah überhaupt vieles, was nicht in den Horizont geriete, bliebe man nur im eigenen Land: Neues.

Kiew war die größte europäische Party – was die Quoten angeht. Bizarr nur, dass ausgerechnet jene vier Länder, die nie durch ein Halbfinale müssen, weil sie die größten Zahler der Eurovision sind, im Finale hinten landeten – neben Deutschland auch Frankreich, Großbritannien und Spanien. Man muss über ihre Künstler keine weiteren Worte verlieren, sie sind geschlagen genug – doch sie hatten etwas von Delegierten aus satten Welten, die in sich und an sich genug haben.

Die Frage, ob statt Gracia beispielsweise eine Band wie Juli oder Fettes Brot besser abgeschnitten hätte, ist ohnehin müßig. Auf die Frage, welche deutsche Band sie kennen, hörte man immer wieder, sowohl von Kiewer Jugendlichen wie ausländischen Journalisten: Rammstein, Scorpions – und vor allem aber, deutlich am beliebtesten gerade unter Osteuropäern: Modern Talking.

Nächstes Jahr findet die Party in Griechenland statt. Helena, die Siegerin, schwor, dass sie grandios wird. Es klang nicht wie eine Drohung.

taz Nr. 7670 vom 23.5.2005, Seite 13, 241 TAZ-Bericht JAN FEDDERSEN

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